36. Weihnachtsausstellung

3. Dezember 2021 bis 20. März 2022

Geislingen und die Gründung des Deutschen Reiches 1870/71

Nach der coronabedingten Pause 2020 kann die beliebte Geislinger Tradition der Weihnachtsausstellung dieses Jahr nun in ihre 36. Auflage gehen. Die Bestände des Geislinger Stadtarchivs und des Museums im Alten Bau bieten diesmal spannende Einblicke in das Zweite Kaiserreich (1870–1918), einer Zeit der Euphorie und des Aufbruchs, aber auch gesellschaftlicher und politischer Gegensätze, und damit in die Jahrzehnte vor dem traumatischen Einschnitt des Ersten Weltkriegs.

Vor 150 Jahren, am 18. Januar 1871, wurde König Wilhelm I. von Preußen in Folge des Deutsch-Französischen Kriegs in Versailles zum Kaiser ausgerufen. Der Sieg über den „Erzfeind“ führte zur lang ersehnten Entstehung eines deutschen Nationalstaats.

Die württembergische Oberamtsstadt Geislingen war damals dank der dort voranschreitenden Industrialisierung im Aufschwung begriffen. Auch ihre Bürger erlebten und durchlitten die Kriegsmonate, sei es in der Heimat oder auf französischen Schlachtfeldern. Die anschließenden Umwälzungen auf der großen politischen Bühne wurden hier mehrheitlich begrüßt, denn die Stadt galt als eine Hochburg der Verfechter einer deutschen Einigung unter preußischer Führung. Das Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. vor der Stadtkirche – das erste seiner Art in Württemberg – zeugt bis heute davon. Zahlreiche Feste sollten in den folgenden Jahrzehnten außerdem die Erinnerung an den siegreich geführten Krieg wachhalten und das neu erlangte deutsche Selbstbewusstsein nähren.

Die Reichsgründung führte im Königreich Württemberg, nunmehr ein deutscher Bundesstaat, aber auch zu einschneidenden Veränderungen, etwa in der Verwaltung oder im Rechts- und Finanzwesen. Während diese Neuerungen unter anderem eine Linderung sozialer Not bewirken sollten, blieben auch in Geislingen Bestrebungen zur Wahrung möglichst vieler hoheitlicher Rechte des Königreichs gegenüber dem Kaiserreich spürbar.

Die Ausstellung kann vom 4. Dezember 2021 bis zum 23. Januar 2022 dienstags bis sonntags von 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr in der Galerie im Alten Bau besucht werden. Es gelten die 2G+-Zugangsvoraussetzungen (ausgenommen von der Testpflicht sind Personen mit einer Boosterimpfung oder deren Grundimmunisierung oder Genesung maximal 6 Monate her ist). Der Eintritt ist frei.

Öffentliche Führungen (jeweils um 15.00 Uhr) finden am 8. und 22. Dezember 2021 sowie am 12. und 18. Januar 2022 statt. Melden Sie sich hierfür vorher im Sekretariat des Stadtarchivs an (07331/24361). Für die Teilnahme an einer Führung gilt ebenfalls die 2G+-Zugangsvoraussetzung.

Der Begleitband zur Weihnachtsausstellung 2021 ist für 10 EUR in der Galerie im Alten Bau und im Stadtarchiv Geislingen erhältlich.

Beim Besuch der Ausstellung gelten die zu diesem Zeitpunkt laut Corona-Landesverordnung geltenden Regeln.

Abgegangene Fachwerkhäuser in Geislingen

Anlässlich des Geislinger Kulturherbstes 2021 und dem Themenschwerpunkt der Fachwerkarchitektur möchte das Stadtarchiv in einer neuen Reihe zur Stadtgeschichte an heute nicht mehr vorhandene Fachwerkgebäude erinnern, die einst das Geislinger Stadtbild prägten.

Im vergangenen Jahrhundert wurden immer wieder im Zuge von Industrieerweiterungen, Stadtsanierungsmaßnahmen oder Neubebauungen alte, spätmittelalterliche Fachwerkhäuser abgebrochen. Im Rahmen des Kulturherbstes erscheint auf dieser Seite zunächst die Geschichte von fünf Fachwerkgebäuden, die künftig in einer eigenen Rubrik als pdf-Datei verfügbar gemacht und periodisch erweitert werden wird.

Das Gasthaus zum Löwen

von Hartmut Gruber

Erstmals taucht das Gasthaus zum Löwen (ehemaliges Gebäude Hauptstraße 53) in den Amts- und Ratsprotokollen der Herrschaftspflege Geislingen (1620-1634) auf, wo es heißt: ‚Johannes Steuff genannt Heugelin, Gastgeber zum goldenen Löwen, bittet den Rat der Stadt Ulm um Hilfe wegen des Verlusts von drei Pferden (offenbar von einquartierten Truppen beschlagnahmt). Er wird aufgefordert, den Namen des Rittmeisters beizubringen, da man den Obristen nicht bemühen dürfte. Über den Erfolg schweigen die Akten.

Johannes Steiff, der spätere Löwenwirt, dürfte ca. 1628 oder früher von auswärts nach Geislingen zugezogen sein. In zweiter Ehe heiratete er Madlena Steeb, die am 4. August 1612 als Tochter des Wilhelm Steeb, Schwanenwirt und Bürgermeister geboren wurde. In dritter Ehe heiratete Johannes Steiff die Tochter des Martin Jakob, genannt Heugelin, Gastwirt zur Krone in Geislingen.

Die Beschreibung des Gasthauses im Grund-, Sal- und Lagerbuch der Stadt Geislingen vom Jahre 1766 lautet folgendermaßen:

„So an der Hauptstraßen, ob der Sonnen mit einem füglichen Platz vorm Haus, ist 3-stocket mit 5 Zimmern und weitschichtigen Stallungen, auch hinter Wirtschaft einen Hof, bewohnt Rudolph Frauenknecht des Gerichts, nebst dem Herbergrecht.“

Gasthaus zum Löwen, um 1900

Um 1830 hieß der Löwenwirt Ludwig Deeg, der als ‚gelernter und gewandter Wirt‘ geschildert wird. Der Löwen war ‚vom Ort‘ wenig, dagegen von Fremden viel besucht, d. h. dass der Herbergsbetrieb im Gasthaus zum Löwen im Vordergrund stand. Dies hatte sich anscheinend dann in den folgenden zwanzig Jahren gewandelt, denn 1850 wurde im Löwensaal Theater gespielt, wobei auch gutes Bier verabreicht wurde.

Alb u. Filstalbote vom 2. März 1850

Am 20. Juli 1872 verkaufte Michael Weckherlen, Gastwirt zum Löwen, seinen Gasthof ‚Familien-Verhältnisse halber‘. Das Anwesen bestand aus dem dreistockigen Wohn- und Wirtschaftsgebäude, einem sehr geräumigen Hof mit Pumpbrunnen und einer Scheuer mit Gärtchen. Außer den Wirtschaftsräumen waren einige Fremdenzimmer und Stallungen für 20 Pferde vorhanden.

Am 1. August 1894 warb J. Mayer als neuer Löwenwirt mit einer Wirtschafts-Empfehlung, in der er vorzügliches Bier und gute Bedienung versprach.

1928 wurde in Geislingen die NSDAP neu gegründet. In den darauffolgenden Jahren wurde der Löwen zum Stammlokal der hiesigen SA. Neben der Gaststube befand sich damals die Geschäftsstelle der Nationalsozialistischen Partei, wodurch der Löwen als ‚Braunes Haus‘ betitelt wurde. Diese ‚braune‘ Vergangenheit des Löwen beschränkte sich allerdings vorwiegend auf die Zeit bis wenige Jahre nach der Machtübernahme der Nazis 1933. Denn danach saßen die Nazis an den Schalthebeln der Macht und mussten nicht mehr von ihrer Parteihochburg aus agieren.

1938 pachtete das Wirtsehepaar Hans und Lina Buck den Löwen vom damaligen Eigentümer Wilhelm Kumpf und betrieben die Gastwirtschaft bis 1949/50. Danach übernahm die Familie Krollmus den Löwen.

Walter Buck, der Sohn der Wirtsleute, erzählte:

„Gegen Ende des zweiten Weltkrieges entstand im Löwen eine Selbsthilfegruppe, aus der Not des Krieges heraus geboren. Es waren Männer, Frauen, Mädchen und Jungen der älteren Jahrgänge, die aus der näheren Nachbarschaft des Löwen stammten. Sie kamen in den Kriegsjahren mehrmals in der Woche im Löwen zusammen. Dabei wurden momentane Probleme besprochen, u.a. geübt und gebastelt.

So wurden zum Beispiel Übungen zur Feuerbekämpfung mit den zur Verfügung stehenden einfachen, primitiven Hilfsmitteln und der Ausbau des Bahndurchlasses (Ableitung des Bergwassers Hasentäle) zu einem Luftschutzstollen mit schwerer Tür, Sitzgelegenheiten und Notbeleuchtung durchgeführt.

Vor Weihnachten wurde im Nebenzimmer des Löwen Spielzeug für alle Kinder aus der Nachbarschaft gebastelt. Hierbei war sehr viel Kreativität sowie Improvisation erforderlich, um aus dem Wenigen was man hatte, noch etwas Schönes zu schaffen.

Nach dem Krieg wurden für die deutschen Kriegsgefangenen, die von den Siegermächten mit offenen Sattelschleppern durch Geislingen gefahren wurden, kleine Päckchen von den Frauen und Mädchen vorbereitet, die wir Kinder auf die fahrenden Lastwagen werfen durften.

Die damaligen Beteiligten trafen sich auch noch lange nach dem Krieg. In Anlehnung an das ursächliche Objekt „Gasthaus Löwen“ nannten sich diese in Notzeiten zusammengeschweißte Gruppe „Rond om da Lea“ (Rund um den Löwen). Es wurden auch kleine Ausflüge gestaltet. Die letzte Zusammenkunft war meines Wissen 1985.

Die ausgebombte Familie Braun mit Oma aus Stuttgart wurde im Haus- und in der Familie aufgenommen. Sie waren auch nach dem Krieg weiterhin mit der Gruppe „Rond om da Lea“ verbunden.

Nach dem Krieg wurde der Löwen von den Siegermächten mehrmals beschlagnahmt. Ein Auszug unserer Familie hatte jedoch zu keinem Zeitpunkt zu erfolgen. Meine Eltern und die ausgebombte Familie Braun mussten für die amerikanischen Soldaten die Bewirtung übernehmen. Unter Aufsicht eines amerikanischen Kochs wurden Frühstück, Mittag- und Abendessen bereitet.

Von den zubereiteten Speisen, die nicht auf den Tisch kamen, aber zu viel zubereitet wurden, durfte nichts an die deutsche Bevölkerung weitergegeben werden. Darauf stand eine sehr hohe Strafe. Da der Hinterhof des Löwen in der Nacht sehr dunkel war, konnten, das war nicht immer möglich, die Reste an die Nachbarschaft weitergegeben werden. Der Koch war auch nach einer gewissen Zeit in dieser Angelegenheit humaner geworden, er drückte öfters ein Auge zu.

Für die amerikanischen Soldaten wurde eine süße Grießspeise für den Nachtisch vorbereitet. Aus welchen Gründen auch immer, war der Nachtisch vermutlich zweimal gesüßt. Er war für die Soldaten nicht genießbar. Alle Kinder aus der Nachbarschaft wurden in die Scheuer im Hof des Löwen gerufen. Nach kurzer Zeit war die Süßspeise aufgegessen. Vielleicht war es auch so gewollt?

Nach geraumer Zeit, und nachdem sich vieles eingespielt hatte, überließ der amerikanische Koch weitgehend auch die Zusammenstellung des Speiseplanes für die Soldaten meinen Eltern. Um in den eingelaufenen amerikanischen Speiseplan etwas Abwechslung zu bringen, wurden als Beilage Spätzle und Kartoffelsalat aufgenommen. Vor dem Essen erschien der Koch und inspizierte das Gekochte. Er war sehr zornig und schimpfte über die eigenständige vorgenommene Änderung. Alle Beteiligten waren sehr geknickt und verunsichert, denn sie wollten doch etwas Gutes tun. Für die Zubereitung einer anderen Beilage war die verbliebene Zeit zu kurz. Die Spätzle mit Kartoffelsalat wurden serviert. Die Soldaten waren zuerst etwas skeptisch, doch nachher so begeistert, dass diese Beilagen in den Speiseplan aufgenommen wurden.

Eine kritische Situation ergab sich, als eine amerikanische Einheit ihren Standort im Löwen in Geislingen verlassen musste. Der befehlshabende Offizier überließ das übriggebliebene, speziell für die Amerikaner gebraute, gute Fassbier meinen Eltern. Das deutsche Bier war zu dieser Zeit dünnflüssig und kaum genießbar. In der Bevölkerung hat sich diese Nachricht sehr schnell herumgesprochen. Damit viele in den Genuss dieser Rarität kommen sollten, wurden kleine Mengen ausgeschenkt und am Bierschalter ausgegeben. Eine durchreisende amerikanische Einheit machte in Geislingen Rast. Der befehlshabende Offizier verlangte nach einem Bier und bekam natürlich das gute Bier. Er bemerkte sofort, dass es sich um ein für die amerikanischen Soldaten gebrautes Bier handelt, das auch an die deutsche Bevölkerung ausgeschenkt wurde. Seiner Ansicht nach lag hier eine grobe strafbare Handlung vor, denn das Bier war amerikanisches Eigentum. Er wollte das Bier sofort beschlagnahmen und meine Eltern verhaften. Ein Glück war, dass der Offizier der abgezogenen Einheit eine schriftliche Bestätigung zurückgelassen hatte.

Nach dem Krieg gab es für die Schulkinder eine Schülerspeisung. In den Sälen des Löwen waren mehrere Schulklassen untergebracht. Für diese Klassen sowie die Klassen in der Bierhalle wurde im Löwen die Schulspeisung zubereitet. Die Klassen im Löwen nahmen ihr Speisung in der Wirtschaft ein, während den Kindern in der Bierhalle die Speisung im Handwagen (zu Fuß) gebracht wurde.“

In den frühen 70er Jahren fielen der Löwen und alle seine Nachbargebäude der alles vernichtenden Sanierungswut in Geislingen zum Opfer.

Das Steinhaus

von Hartmut Gruber

Das sogenannte Steinhaus, das am südlichen Ende der einstigen Froschgasse, der heutigen Schillerstraße, gestanden hatte, fiel 1954 der Erweiterung der MAG zum Opfer und war bis zu seinem Abriss wohl das älteste erhaltene Gebäude in Geislingen.

 

Der gängige Name ‚Steinhaus‘ deutet an, dass das Haus ursprünglich aus Tuffstein bis hoch ins zweite Stockwerk gemauert war. Doch aufgrund vielfacher Um- und Anbauten war von der ehemaligen Bausubstanz nicht mehr viel erhalten. Die sehr massiven Mauern des zweigeschossigen Unterstocks über zwei tiefen Gewölbekellern mit drei Nischen und die zwei vorkragenden Fachwerkgeschosse darüber deuten an, dass dieses Gebäude sehr alt gewesen sein musste und herrschaftlichen Charakter innehatte.

 

Das in den Untergeschossen, ganz aus Stein errichtete Haus hatte bereits vor der Errichtung der äußeren Stadtmauer gestanden, denn die Fassadenflucht stimmte in der Südecke nicht mit dem Verlauf der Stadtmauer überein. Es darf also vermutet werden, dass das Steinhaus älter sein musste als die Stadtmauer, die die Obere Vorstadt seit dem 14. Jahrhundert umschlossen hatte.

 

Manches deutet daraufhin, dass das Steinhaus um die Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut worden war. Und es darf weiter angenommen werden, dass dieser damalige Bauherr gut begütert gewesen sein musste, damit er sich ein so stark bewehrtes massives Gebäude als Wohnsitz errichten lassen konnte. Es könnte sich dabei um einen angesehenen Ministerialen der Grafen von Helfenstein gehandelt haben, der damals vielleicht in deren Diensten Verwaltungstätigkeiten etwa die Vogtei der Stadt in Geislingen innehatte, denn das Gebäude erinnerte an eine hochmittelalterliche Wehrbehausung außerhalb der bürgerlichen Stadtgemeinde.

Stadtmauerpartie mit dem Steinhaus, Kopie einer Gouache, vermutlich aus dem 16. Jahrhundert. Das stattliche Gebäude steht nicht in der Flucht der Stadtmauer, sondern weicht in spitzem Winkel vom Verlauf der Stadtmauer ab, wobei die oberen Stockwerke auf vorkragenden Holzbalken liegen. (Museum im Alten Bau)

Erbauer und Eigner des Steinhauses war der in der Kaisersheimer Chronik genannte Diether von Machtolsheim, der Wiesensteiger Chorherr (1275) und zugleich Domherr in Augsburg (1277) war. Danach wurde es von den Grafen von Helfenstein an den Ritter und ihren Dienstmann Burkhard von Gingen weiter verliehen. Als dieser jedoch bald darauf verstarb, gab die Witwe das Steinhaus den Grafen zurück.

 

1289 schenkten die Grafen Ulrich (VI.) und (VII.) von Helfenstein dem Kloster als Seelgerät das benachbarte Haus mit Hofstatt, Garten und Zwinger in der Vorstadt, das Dieter von Machtolsheim mit ihrer Erlaubnis gebaut hatte (WUB IX, Nr. 3898) und das wohl identisch war mit dem später sogenannten ‚Steinhaus‘. Man bemerke u.a., dass das Steinhaus mit einem Zwinger umgeben war, was auf den wehrhaften Charakter des Gebäudes hinweist.

Das Kloster Kaisersheim hatte nämlich Jahre zuvor ein Anwesen mit stattlichen Wirtschaftsgebäuden, den sogenannten Kaisersheimer Pfleghof (Schillerstraße 12), erworben, der ebenfalls 1954 der MAG-Erweiterung zum Opfer fiel. Diesen Pfleghof hatten die Grafen 1284 in einem Privileg von allen Abgaben befreit (WUB VIII, Nr. 3378).

 

Nach dem Kauf der helfensteinischen Herrschaft durch die Reichsstadt Ulm 1396 war auch das Steinhaus in ulmischen Besitz gekommen. Für den Klosterhof hatte sich auch nach der Machtübernahme der Ulmer zunächst nichts geändert. 1447 wurde in einem Vergleich dieses Privileg des Klosters bestätigt. Vielleich kam es dabei zum Verkauf des Steinhauses an die Ulmer, die es wohl fortan als Amtssitz nutzten, denn von 1553 – 86 diente es als Sitz des Ulmer Pflegers Hans Umgelter.

 

Das Steinhaus am Ende der Froschgasse, Aquarell um 1820. Kopie nach Jakob Früholz (Museum im Alten Bau)

 

 

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts hatte dort der Stadtphysicus Thomas Rau seinen Wohnsitz gehabt, und um 1766 befand sich im Steinhaus die Stadtschreiberei. 1809 ging das Haus in Privatbesitz über, wohl im Zusammenhang mit dem notgedrungenen Verkauf städtischer Anwesen durch die bayerische Herrschaft. Wenig später war das Steinhaus Eigentum der württembergischen Oberamtspflege, die es der Justizverwaltung für die Einrichtung des Oberamtsgerichts kaufte. Nach der Erbauung des neuen Oberamtsgerichts in der Schulstraße 1880, wurde es schließlich bis zum Abbruch 1954 Amts- und Wohnsitz des Forstamts.

Das Steinhaus als Sitz der Forstverwaltung in den 1920er Jahren (Stadtarchiv Geislingen)

Das Rötelbad

von Hartmut Gruber

Das Rötelbad stand unterhalb des Mühlenorts Rorgensteig und hatte seinen Namen von einer dort entspringenden Heilquelle, die eisenhaltig ist und seit dem Spätmittelalter für Bad- und Trinkkuren genutzt wurde. Nicht nur einheimische Leute genossen die heilsame Wirkung der Rötelquelle, sondern auch Badgäste aus der Reichsstadt Ulm und von weiter her. Folglich entwickelte sich das stattliche Badgebäude zu einer viel besuchten gastlichen Herberge mit ansehnlicher Gartenanlage, wo man gerne die Kur mit der Sommerfrische verbinden konnte.

Allerdings machte die Obrigkeit der ursprünglichen Schankgerechtigkeit einen Strich durch die Rechnung. 1689 wurden den damaligen Badbesitzern, Untermüller Wilhelm Straub und Hans Jakob Braunsbach die Eröffnung einer neuen Heckenwirtschaft (Biergarten) beim Rötelbad (ehemaliges Gebäude Rogensteig 2) vom Rat der Stadt Ulm untersagt, denn über die Zuträglichkeit des Bieres während der Badekur stritten sich die Ärzte.

1710 beantragten dann die Badbesitzer von Überkingen, Göppingen und dem Rötelbad gemeinsam eine Braugerechtigkeit, die ihnen auch 1728 unter der Auflage erteilt wurde, nur Badegäste zu bewirten und zu beherbergen.

Die erste Beschreibung des Rötelbades stammt aus dem Jahr 1729 und wurde unter dem Titel: „Kurtze Beschreibung Deß Röthel-Bads bey Geißlingen“ von ‚Jo. Matthia Frauendiener, Med. D. und Phys. daselbst aufgesetzt und auf Verlangen zum Druck befördert‚.

Im 1. Kapitel mit der Überschrift: ‚Von dem Röthel-Bad überhaupt‚ beschreibt der Verfasser zunächst auf Seite 17 den vorherigen desolaten Zustand des Bades:

„Sonsten hat dieses Bad schon viele Jahre her zu der an der Rohracher-Steig neben der Papier-Mühle gelegenen Mühle gehört / und war ehedem eine schlechte Hütte / worinn man gebadet / daselbst gestanden / gestalten es kaum mit einem rechten Dach versehen war / dahero es den Badenden sehr beschwerlich gewesen / und auch vielleicht deßwegen von fremden Personen nicht mehr so häuffig /als ehemals geschehen / besucht worden: wie dann der letztere ehmalige Besitzer es auch nimmer so hoch geachtet / und deßwegen das Bad nicht mehr sonderlich im Bau unterhalten / so daß beym Regenwetter das Regen-Wasser durch das Dach auf die Badenden herunter geflossen; dessen unerachtet ist es dennoch alle Jahr von denen Geißlingern und andern Benachbarten mit gutem Nutzen immerfort gebraucht worden.“

 

 

 

 

 

 

Titelseite der ersten Rötelbadbeschreibung von 1729 (Museum im Alten Bau Geislingen)

 

Einige Sätze später lobt er auf Seite 18 den Neubau des Bades und damit seine wieder erlangte Anziehungskraft als Kurbad mit folgenden Worten:

„Nunmehro hat es mit diesem Bad-Bau ein gantz anders Außsehen / gestalten selbiges vermittelst eines rechtmässigen Kauffs einen andern Herrn Possessorem bekommen / welcher sogleich nach vollzogenem Kauff verwichenen Sommer die alte Hütte hat abreissen / und dargegen einen kostbaren und regulairen Bau daselbst aufführen lassen; daß also viele Personen sehr bequem darinn logiren können / welches vorhero unmöglich war / weil bemeldte Bad-Hütte weder Stuben noch Kammer hatte / und kan dahero auch das Bad jetzo mit besserer commodité und grösserm Nutzen als vorhero gebraucht werden. Dieses neu-aufgerichtete Bad-Haus hat 16 schöne Stuben / welche alle mit Gips gedüncht sind / auch mit hellen durchsichtigen Fenstern versehen / an jeder Stuben hat es wiederum ein besondere Kammer / ingleichem zwey breite und lange helle Gäng / worauf man sich beym Regenwetter vor Regen und feuchter Lufft verwahrt / genugsame Bewegung machen kan.“

Dieser Beschreibung nach hat also ein neuer Badwirt, der das heruntergekommene Anwesen 1728 käuflich erworben hat, im selben Jahr das bekannte stattliche Badhaus errichten lassen, das dem damals erwünschten Komfort gerecht wurde und den Kurbetrieb im Rötelbad wieder in Gang setzte. Dieser rührige Badwirt war Baptist David Schmied aus Ulm.

1730 heißt es: Der Rorgensteiger Wirt (der Rötelbadwirt) hatte das Recht „Wein zu schenken, Bier zu brauen und Badgäste zu übernachten“; er durfte aber „kein Brot bachen“ und „es darf auch nicht gemerzelt werden.“

Am 28. März 1732 findet sich folgende Notiz: „Den Badwirten zu Überkingen und dem Rötelbad bei Geislingen will man die, in den 4 Bademonaten genossene Umgeld-Moderation (Getränkesteuernachlass) auch in der neuen Saison gewähren. Der Rat macht aber zur Bedingung, dass die Gäste nicht überfordert werden, wie dies fernd (im Jahr zuvor), beim Rötelbad geschehen sei.“ (Ulmer Ratsprotokolle, Bd. 18, Bl. 305a)

Das Fazit ist, dass auch früher schon in den Badeorten die Besucher nicht nur von ihren Leiden, sondern auch von ihrem Gelde befreit wurden. Die Heilwirkung des Wassers war anscheinend bis Mitte August am kräftigsten, und das Rötelbad wurde gegen Hautausschläge, Gicht, Rheumatismus und Harnbeschwerden empfohlen.

Bereits zwanzig Jahre nach der ersten Badbeschreibung wird von einem gewissen Jeremias Hößlin 1749 das Rötelbad erneut unter dem Titel: „Beschreibung Des Röthelbades nahe bey Geislingen unter Helfenstein.“ beschrieben und in den höchsten Tönen als ‚Weiberbad‘ gelobt. Typisch für das heilsame Quellwasser waren rote, eisenhaltige, körnige Beimengungen, die als Rötel bezeichnet, dem Bad seinen Namen verliehen.

Ansicht des Rötelbads zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Aquarell von J. Früholz (Museum im Alten Bau Geislingen)

Beschreibung im Grund-, Sal- und Lagerbuch der Stadt Geislingen vom Jahre 1766:

„Befindet sich von Geislingen aus zur Rechten der Landstraß, etwas abgesondert neben der Papier- und den Mahlmühlen, bestehet in einem großen 3-stocketen Gebäude, daselbsten in unterer Etage, allwo die Gemach zum Baden seind, eine starke Quell, so ein frisch, hell, zum Badgebrauch in vielerlei Umständen gesund und renomirtes, das Rötelwasser genannt, entspringet. Nebenzu ist eine Braustatt und Stallung, der zweit und dritte Stock hat 12 Zimmer und Kammern, darinnen sowohl zehrende als die fremde Badgäste gute Gelegenheit finden, weilen solches Badhaus ringsum frei stehet, hat es einen schönen Prospect, sonderheitlich Geislingen und dem Längental zu. Darauf haftet die Gerechtigkeit, Wein zu schenken und Bier zu brauen in und außer der Badzeit, doch daß sonst niemand als die Badgäste darin über Nacht beherberget, auch in selbigen kein Brot gebachen und nicht gemezelt werden soll.“

 

 

 

 

Das Rötelbad um die Jahrhundertwende (Privatbesitz)

Im 18. und 19. Jahrhundert wechselten die Besitzer und Badwirte oft, was sich nachteilig auf den Kur- und Badebetrieb auswirkte. Allein in den Jahren von 1848 bis 1886 wurde das Rötelbad samt Brauereieinrichtung und Schankkonzession viermal verkauft.

 

 

 

 

 

Badwirt Hermann Nafzger mit Badegästen (Privatbesitz)

 

Eine späte Blüte erfuhr das Rötelbad, als im Jahre 1892 unter dem Badwirt Hermann Nafzger in einem Anbau ein Hallenschwimmbad eröffnet wurde, das eines der ältesten Württembergs gewesen sein dürfte. Hermann Nafzger, der als Färber von Beruf beim Stern eine Wäscherei und einen Wäschehandel betrieben hatte, erwarb das Rötelbad 1886 von Johannes Bundschuh für 24 000 Mark und ließ danach eine öffentliche Badeanstalt mit Dampfheizung einrichten. Dort gab es Dampfkastenbäder mit Wannen- und Medizinbädern. Das Bad, 12m lang, 7m breit und 1,3m tief, hatte im Schwimmbecken von Mai bis September eine Wassertemperatur von 23°C. Zum Badgebäude gehörte eine Gartenwirtschaft, die früher für die Geislinger ein beliebtes Einkehrlokal war.

Geislinger Zeitung vom 1. März 1892

Mit einem erneuten Besitzerwechsel übernahm ein L. Winkelmann in den 20er Jahren das Rötelbad, der dort eine Wein- und Getränkehandlung einrichtete. Das ehemalige Fachwerkhaus wurde verputzt, und die Heilwasserquellen wurden teils abgeleitet, teils verschüttet. Statt Badegästen wohnten nun gewöhnliche Mieter im Haus, das mit den Jahren immer baufälliger wurde, weil es niemand mehr instand setzte. Am 27. Januar 1979 brannte schließlich das Rötelbad aus, und die Ruine wurde dem Erdboden gleichgemacht.

Brand des Rötelbads 1979 (Stadtarchiv Geislingen)

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